Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik.
Hochhäuser in Westdeutschland von 1945 bis 1980 als Impuls für die aktuelle Diskussion

Dissertation Falk Schneemann bei Prof. Ludwig Wappner, Korreferent Prof. Dr. Georg Vrachliotis, die Doktorprüfung hat im April 2019 stattgefunden.

Der Bautyp Hochhaus erfährt eine anhaltend hohe Bautätigkeit. Er gilt je nach Perspektive als Hoffnungsträger für die Bewältigung der Herausforderungen unserer Städte oder er wird rundweg abgelehnt. Dabei zeigt sich in den aktuellen Entwürfen eine typlogische Erschöpfung des Bautyps, die in starkem Kontrast strukturellen Reichtum der Hochhäuser der Zeit zwischen 1945 und 1980 steht. Die Arbeit betrachtet die Hochhäuser dieser von Wiederaufbau bis Ölkrise reichenden Zeitspanne um so einen Impuls für die aktuelle Diskussion zu geben.

Methodisch wird eine klassisch zeichnerische Analyse mit einem textbasierten theoretischen Ansatz kombiniert. Grundlage für die zeichnerische Analyse ist ein Projektkatalog mit Grundrissen von 100 Hochhausprojekten. Um ein grundsätzliches Verständnis über das Hochhaus und seine Genese zu erlangen enthält der Projektkatalog auch einige Projekte aus der Frühzeit des Bautyps vor 1945. Der theoretische Ansatz basiert zum einen auf der Auseinandersetzung mit dem Text „Die Existenzweise technischer Objekte“ des französischen Philosophen Gilbert Simondon, zum anderen nimmt die Arbeit Anleihe am Herangehen der Technikgeneseforschung, deren Ziel es ist, ein Verständnis für zurückliegende Entwicklungen zu erlangen um so die gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen und verstehen und möglicher Weise zu beeinflussen.

Die Perspektive leitet sich aus der Kernthese der Arbeit ab. Diese lautet, dass Gestaltung und Technik die im Hinblick auf die Struktur des Hochhauses wirkmächtigsten Akteure sind. Aus dieser wechselseitigen Beziehung heraus entsteht dabei emergent Neues.

Der Projektkatalog ermöglicht es, einzelne Genesepfade in der Entwicklung des Bautyps Hochhaus aufzuzeigen. Beispiele sind das Hängehochhaus, der Großraum, die brutale Konstruktion oder der Verbundkern wobei jeweils fünf bis sieben Projekte eines Pfades vertieft betrachtet werden. Durch dieses Vorgehen zeigen sich Innovationsmomente und Brüche und es lässt sich ein Verständnis über die Entwicklung des Hochhauses erlangen. Darüber hinaus lassen sich über die Jahrzehnte hinweg verschiedene Ausprägungen in der Beziehung von Gestaltung und Technik aufzeigen.

Abschließend wird dem die Betrachtung zweier aktueller Hochhausprojekte gegenübergestellt. Aus dieser Gegenüberstellung und den gesammelten Erkenntnissen der Betrachtung der Hochhäuser Westdeutschlands zwischen 1945 und 1980 werden Thesen und Forderungen abgeleitete, die darauf abzielen, die sich aus dem strukturellen Reichtum der früheren Hochhäuser ergebenden Potentiale des Bautyps für die heutige Zeit zu heben. Zentral steht dabei die Forderung Technik zu gestalten.

Der Projektkatalog schafft einen kritischen Überblick der Hochhäuser Westdeutschlands zwischen 1945 und 1980 und erschließt diese auch als Entwurfsreferenzen. Durch die vertiefte Betrachtung der Genesepfade und der ihnen zugeordneten Projekte ergibt sich neben anderen Aspekten eine Reflexion von Grundlegenden architektonischen Fragen wie der Entwicklung von Typologien. Die Arbeit kann so auch einen Beitrag im Bereich der Entwurfslehre leisten. Nicht zuletzt wird dabei die kulturelle und historische Dimension dieser Gebäude deutlich.

Die Beziehung von Gestaltung und Technik ist, zum Beispiel durch die Digitalisierung, auch über den Bautyp Hochhaus hinaus ein hoch aktuelles Thema der Architekturdiskussion. Auf Grundlage der Thesen, die hier zur Wechselwirkung von Gestaltung und Technik aufgestellt werden, werden zum Abschluss der Arbeit Denkanstöße und Forschungsausblicke zu Building Information Modelling und digitalem Entwurf gegeben.